Aus der Praxis · 01. September 2026
Ich weiß, wie man 60 starke Persönlichkeiten zum Zusammenspiel bringt
Eine Probe, ein Zwischenfall, ein kurzer Satz — und die eigentliche Führungsarbeit erst danach. Was ein Moment im Orchestergraben über Führung in Unternehmen verrät.
Es gibt diesen Moment kurz vor der Hauptprobe, wenn 60 Menschen an ihren Plätzen sitzen, die Instrumente gestimmt sind und die Konzentration des bevorstehenden Konzerts bereits im Raum liegt. Und dann kommt jemand zu spät.
Die Person hatte sich nicht darum gekümmert, dass für sie ein Stuhl im Orchester bereitgestellt wurde. Der Koffer wurde ausgepackt, während die Probe bereits lief. Kaum saß die Person, begann sie zu sprechen — mitten im Stück.
Ich musste die Situation für den Moment schnell und klar mit einem Satz lösen: dass wir jetzt weitermachen müssen und die Probe nicht länger gestört werden darf. Dann ging es weiter.
Der eigentliche Führungsmoment lag jedoch nicht in diesem Satz, sondern in dem, was danach folgte.
Der Unterschied zwischen einer Ansage und einer Klärung
Nach der Probe habe ich die Person zur Seite genommen. Nicht, um die Situation nachträglich zu verschärfen — sie war bereits gelöst. Sondern um zwei Dinge klarzustellen, die beide gleichermaßen wichtig waren.
Erstens: Wie wichtig diese Person für das Orchester ist. Das war keine beschwichtigende Floskel, sondern die Wahrheit — und sie musste ausgesprochen werden, gerade weil zuvor ein deutlicher Satz nötig gewesen war.
Zweitens: ein klarer Rahmen für die Zukunft. Wenn es einmal später wird — was vorkommen kann, ohne dass daraus jemandem ein Vorwurf zu machen ist —, dann gilt: vorab klären, wer den Stuhl bereitstellt. Leise Platz nehmen. Ohne Ansage einsteigen und mitspielen.
Kein Vorwurf, keine Drohung, keine angekündigte Konsequenz. Eine Klärung, wie es künftig besser gelingt.
Warum sich diese Situation nicht anders lösen ließ
Ich hatte für diese Situation kein anderes Mittel zur Verfügung. Ich kann niemanden abmahnen, kein Gehalt kürzen, keine Beförderung verweigern. Wer freiwillig da ist, kann auch einfach fernbleiben — der Stuhl bliebe dann leer.
Ich weiß, wie man 60 starke Persönlichkeiten dazu bringe, auf den Punkt gemeinsam abzuliefern.
Das gelingt nicht über Druck. Es gelingt über eine Kombination, die in dieser Situation sichtbar wurde: im Moment selbst klar und knapp bleiben, ohne zu eskalieren — und im Anschluss die Zeit nehmen, Wertschätzung und Erwartung in denselben Satz zu fassen.
Was das mit Ihrem Unternehmen zu tun hat
Die meisten Führungskräfte verfügen über mehr Machtmittel, als sie im Alltag einsetzen möchten — Zielvereinbarungen, Beurteilungen, im Zweifel auch Konsequenzen. Das ist bequem. Es verschleiert jedoch etwas: Wenn Mitarbeitende bleiben, weil der nächste Schritt erst noch gesucht werden müsste, sagt das nichts darüber aus, ob die Führung tatsächlich wirkt. Es zeigt lediglich, dass der Ausweg selten genutzt wird.
Drei Prinzipien aus dem Orchestergraben lassen sich unmittelbar übertragen:
Klarheit vor Lautstärke. Der Satz in der Probe war kurz und unmissverständlich — nicht laut. Eskalation ersetzt selten Klarheit, sie überdeckt lediglich ihr Fehlen.
Das Gespräch danach ist die eigentliche Führungsarbeit. Die Ansage im Moment ist Handwerk. Ob daraus etwas wird, entscheidet sich in der Klärung danach — wenn beide Seiten noch Gesicht wahren können.
Wertschätzung und Erwartung gehören in denselben Satz. Nicht nacheinander, nicht als Belohnung fürs Zuhören, sondern gemeinsam. Andernfalls verliert eine Botschaft die Wirkung der anderen.
Nichts davon ist kompliziert oder neu. Es ist lediglich ungewohnt, wenn man es lange nicht mehr üben musste, weil andere Mittel schneller griffen.
Genau an diesem Punkt setzen meine Leadership-Trainings an: nicht an der Theorie, sondern an den Situationen, in denen sich Führung tatsächlich entscheidet.